# Was ist von Civey-Umfragen zu halten?

Durch | 9. November 2020

WĂ€hrend Mönche im Mittelalter noch versuchten, mithilfe von Zauberformeln, EntzĂŒndungen oder andere Krankheiten zu heilen, begannen Forscher und Philosophen im frĂŒhen 18. Jahrhundert damit, nach und nach naturwissenschaftliche PhĂ€nomene zu verstehen und zu erklĂ€ren. Je wissender die Menschen wurden, desto geringer ihr Glaube an die Magie.

Doch manch zauberhafte Formel hat dennoch ĂŒberdauert, so auch das berĂŒhmte „Simsalabim!“. Vermutlich missdeuteten Christen im Mittelalter die arabische Gebetsformel „bismi llāhi r-rahmāni r-rahÄ«m“, ĂŒbersetzt „Im Namen Gottes, des Barmherzigen“, als einen Zauberspruch. Und weil sie Arabisch weder verstehen noch ordentlich nachsprechen konnten, erzĂ€hlten sie sich vom magischen Simsalabim.

Übrigens: Eine weitere Zauberformel, die auch heute noch sehr verbreitet ist, lautet „Hokus Pokus“.

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Was hat das denn mit Umfragen, wie Civey zu tun?

SpĂ€testens seit dem KonfirmitĂ€tsexperiment von Salomon Asch von 1951 ist bekannt, dass sich der Mensch gerne an der Mehrheit orientiert. Und dabei schon mal die eigene Wahrnehmung hintan stellt. Umso wichtiger sind Meinungsumfragen. Genauer gesagt deren Veröffentlichung. Denn wenn die Menschen zum Glauben kommen, eine bestimmte Meinung sei die Mehrheitsmeinung, werden ihr viele andere folgen. Dabei spielt es auch eine Rolle, wie groß die Mehrheit ist. Ob knapp oder ĂŒberwiegend.

Eine neue Online-Umfrage der Meinungsforschungsfirma Civey beschĂ€ftigte sich am Sonntag mit folgender Frage: „Haben Sie VerstĂ€ndnis fĂŒr die aktuellen Demonstrationen in Leipzig, die sich gegen die Corona-Politik der Bundesregierung richten?“ Das reprĂ€sentative Ergebnis: 68,9 Prozent antworten „Nein, auf keinen Fall“. Die Antwort „Ja, auf jeden Fall“ kommt nur 19,4 Prozent ĂŒber die Lippen. Stand: 9. November, 1.30 Uhr. Eine ganz klare Mehrheit und sicher fĂŒr viele Anlass, zur Mehrheitsmeinung zu neigen. Denn wer ist schon gerne bei einer eindeutigen Minderheit (abgesehen von Situationen, in denen diese besonders gefördert werden). Eingebettet ist die Umfrage auf der Seite von Focus Online. Der gehört zum Burda Verlag, fĂŒr den der Ehemann von Gesundheitsminister Jens Spahn die Berliner ReprĂ€sentanz leitet. Focus Online liest sich seit vielen Monaten wie die „Corona-Schauer-Nachrichten“.

Sieht man nun auf der Civey-Umfrage im Kleingedruckten nach den Rohdaten, also danach, wie viele Menschen wirklich wie abgestimmt haben, bevor die „Wertung“ das Ergebnis zurecht wertete, kommen ganz andere Zahlen heraus. „Nein, auf keinen Fall“ fĂŒr die Proteste haben nicht mehr 68,9 Prozent geantwortet, sondern nur noch 51,8. Die Antwort „Ja, auf jeden Fall“ ist nicht mehr eine kleine Minderheitsmeinung mit 19,4 Prozent, wie im „reprĂ€sentativen“ Ergebnis, sondern 37 Prozent der Befragten sehen das so. Bei dieser Verteilung entsteht kaum ein „KonformitĂ€tsdruck“. Wer VerstĂ€ndnis fĂŒr die Proteste hat, muss sich hier nicht als Vertreter einer Minderheit fĂŒhlen.

Das schaut dann so aus:

 

Einmal so!

 

 

Meinungsumfragenzitat:

„Unsere freiheitliche Demokratie lebt nicht von Umfragen, sie lebt von Engagement und Courage!“

Roman Herzog

 

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