Eltern als Kumpel … kann bei Jugendlichen zu Größenwahn führen.

Eltern wollen heute gern mit ihren Kindern befreundet sein. Experten warnen: Dies kann zum Problem werden.

Bereits im Vorschulalter und in den ersten Schuljahren werden die Kinder seit Jahren in vielen Elternhäusern und in immer mehr Bildungseinrichtungen als kleine Erwachsene behandelt und so früh wie möglich zu eigenen Urteilen darüber angehalten, was sie wissen und lernen wollen und was sie davon halten. Das ist mit seinen Folgen im vorangehenden Artikel eingehend betrachtet worden.

In der mit ca. 13-14 Jahren beginnenden Pubertät, in der die eigene Urteilsfähigkeit der Kinder erwacht und sie immer selbstbewusster auftreten, ist die Gefahr und Versuchung noch größer, sie als junge Erwachsene, sozusagen auf „gleicher Augenhöhe“ zu behandeln und ihnen als Kumpel zu begegnen. Damit wird aber eine Selbstsicherheit und Renitenz gefördert, die nicht in einem eigenen reifen Erkenntnisleben gegründet ist.

Entwicklungsphasen

Mit der Geschlechtsreife werden die seelischen Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens der Jugendlichen aus ihrer Abhängigkeit von den vertrauten Erwachsenen frei und stehen jetzt sukzessive dem eigenen, mitunter vehementen Ausleben zur Verfügung. Doch ihre sichere Handhabe durch eine verantwortliche geistige Instanz im eigenen Inneren ist ein langer Prozess des lernenden Übens, der bis zum 20., 21. Lebensjahr dauert und der helfenden Begleitung kundiger Pädagogen bedarf.

Diese sind natürlich nicht mehr selbstverständliche Autoritäten, sie werden geprüft, müssen sich bewähren, ob man auf ihr Wissen, Können und ihre menschliche Authentizität etwas geben kann. Und von dem Erwachsenen, zu dem man Vertrauen fasst und dem man folgen will, muss man sozusagen die Gewissheit haben: Er lässt mich frei, aber er lässt mich nicht im Stich. Denn untergründig ist man sich der eigenen Unsicherheit durchaus bewusst, was oft nur durch pampiges, selbstsicheres Auftreten überspielt wird.

In einer ersten Phase erwacht das eigene kritische Denken, die Lust, selbst darüber zu urteilen, wie sich etwas verhält. Doch die Urteile kommen vielfach noch aus einem chaotischen Gefühls- und Willensleben und sind oft von einer scharfen genialen Einseitigkeit. Schnell wechseln mit den Gefühlen auch die Gedanken und das kritische Urteil ist vorschnell bei der Hand. Das Gefühl, dass es der Betrachtung und Erkenntnis möglichst vieler Seiten einer Sache als Grundlage bedarf, um ein sicheres Urteil fällen zu können, muss noch mühsam erworben werden.

Von etwa 17 bis 19 Jahren konsolidieren und setzen sich und reifen die Gefühle und verbinden sich mit hohen jugendlichen Idealen der Weltverbesserung. Insbesondere erwachen starke Mitgefühle für die sozialen Probleme der Menschen. Die Gedanken werden existenzieller und tiefgründiger und suchen nach praktischen Lösungen, in die die Konsequenzen für das eigene Leben miteinbezogen werden. Doch die Ideen bleiben noch in der Sphäre des gedachten und gefühlten Theoretischen, in das der verantwortliche Wille noch nicht eingreifen kann.

Im letzten Abschnitt der Jugendzeit bis zum 21. Lebensjahr tritt der Wille immer mehr in die von innen geführte bewusste Verfügbarkeit. Man kann das Eingesehene und Gefühlte jetzt auch willentlich ergreifen und durchführen. Das heißt, die Urteilskraft kann sich jetzt mit dem selbständig gewordenen Willen verbinden und ihm seine Ziele geben. Das Denken erfüllt sich mit Willensqualität, erreicht die Realität und kann sie verändernDie innere Instanz, von der der Wille ausgeht und geführt wird, das eigene Ich, wird frei und erwacht zu sich selbst. Nun erst, um das 21. Lebensjahr herum, wird die Möglichkeit der Mündigkeit erreicht.

Nun zeigt die Erfahrung, dass eine auffallende Verschiedenheit im Verhalten von Jungen und Mädchen in dieser Zeit besteht. Darauf hat Rudolf Steiner die Lehrer der ersten Waldorfschule schon früh aufmerksam gemacht. Das Ich, das jetzt noch hinter den Seelenkräften verborgen ist und erst um das 20. Lebensjahr durchkommt, wird von den seelischen Kräften des Mädchens in gewisser Weise bereits etwas hereingezogen und aufgesogen, so dass die Mädchen zumeist sicher auftreten und wesentlich älter und reifer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Sie sind in Konfliktfällen oft die Wortführer.
Bei den Jungen dagegen bleibt das Ich mehr im Hintergrund und wird weniger von den seelischen Kräften beeinflusst, so dass sie im Allgemeinen in diesem Alter zurückhaltender, oft schüchterner, introvertierter sind und sich nicht so in den Vordergrund drängen.
Dies kann jeder, der es mit Jugendlichen zu tun hat, beobachten.

Diese anthropologischen Erkenntnisse des Jugendalters führen in der Waldorfpädagogik dazu, den für die jeweilige Entwicklungsphase geeigneten Lehrstoff auszuwählen, an dem die anstehenden Kräfte und Fähigkeiten am besten ausgebildet werden können. Das heißt, auch in diesem Alter muss der Lehrer das Heft in der Hand haben und darf die Jugendlichen nicht als Pseudo-Gleiche sich selbst überlassen. Das hätte mit pädagogischer Verantwortung nichts zu tun.

Zu frühe Urteile

Die Phasen der Urteilsbildung werden empfindlich beeinträchtigt, wenn die Jugendlichen schon in den ersten Schuljahren oder gar in der Vorschulzeit ständig zur eigenen Urteilsbildung aufgerufen wurden, in einer Zeit, in der erst mal Stoff zum Urteilen, zum Vergleichen, aufgespeichert werden muss, um Grundlagen für spätere selbständige Urteile zu bilden.
„Alle Einseitigkeit im Leben, alle öden ´Glaubensbekenntnisse`, die sich auf ein paar Wissensbrocken gründen, und von diesen aus richten möchten über oft durch lange Zeiträume bewährte Vorstellungserlebnisse der Menschheit, rühren von Fehlern der Erziehung in dieser Richtung her. Bevor man reif zum Denken ist, muss man sich die Achtung vor dem angeeignet haben, was andere gedacht haben. (…)
Würde dieser Erziehungsgrundsatz befolgt, man müsste es nicht erleben, dass Menschen zu jung sich reif dünken zum Urteilen und sich dadurch die Möglichkeit nehmen, allseitig und unbefangen das Leben auf sich wirken zu lassen. Denn ein jedes Urteil, das nicht auf der gehörigen Grundlage von Seelenschätzen aufgebaut ist, wirft dem Urteiler Steine in seinen Lebensweg. Denn hat man einmal über eine Sache ein Urteil gefällt, so wird man durch dieses immer beeinflusst, man nimmt ein Erlebnis dann nicht mehr so auf, wie man es aufgenommen hätte, wenn man sich nicht ein Urteil gebildet hätte, das mit dieser Sache zusammenhängt. In dem jungen Menschen muss der Sinn leben, zuerst zu lernen und dann zu urteilen.“

Zudem ist es eine Illusion zu glauben, dass diese Urteile persönlich erworbene seien. Sie sind in Wahrheit von Erwachsenen übernommen und keineswegs aus eigener innerer Stellungnahme zu den Erscheinungen der Welt gewonnen, was sie in diesem Alter auch noch gar nicht sein können. Sie verfestigen sich aber zu fundamentalen Überzeugungen und erkenntnismäßig nicht selbst durchdrungenen Dogmen, die den unvoreingenommenen Zugang zur Welt verbauen.

Dies setzt sich im Jugendalter dann fort, wenn nicht im Sinne der oben angedeuteten Entwicklungsphasen, die Urteilsbildung entwickelt und geschult wird, sondern, wie zumeist an den heutigen Gymnasien, der Unterrichtsstoff nicht wegen seiner pädagogischen Eignung, sondern wegen seines Inhaltes als Selbstzweck behandelt und vermittelt wird. Er wird nicht als Mittel zur Urteilsschulung verwendet, sondern gepaukt und laufend in Tests und Klausuren abgefragt. Das heißt, der Schüler nimmt mehr oder weniger fertige Urteile auf, die er dann reproduzieren muss (Input – Output). Sie leben als pseudoeigene Urteile in ihm weiter, stellen sich zwischen ihn und die Realität und machen es ihm schwer, die Welt unvoreingenommen wahrzunehmen und zu eigenen Erkenntnissen zu kommen.

Nur am Rande: Ein heutiges Bachelor- und Masterstudium ist auch nur ein weiterführendes Gymnasium, in dem dichtgedrängt Stoff auf Stoff auf Stoff vermittelt und abgefragt wird, so dass zu eigenen Reflexionen und Urteilsbildungen kaum Zeit bleibt. Es wird Anpassung an herrschende Theorien und Urteile geübt, die verinnerlicht werden und deren Beherrschung das eigene Selbstbewusstsein ausmacht.

Kumpel und Größenwahn

Die grassierende Neigung von Eltern und Pädagogen, die Jugendlichen als Gleiche zu behandeln, die sie entwicklungsbedingt nicht sind, muss zu einem falschen, aufgeblasenen Selbstbewusstsein führen. Auch in der ersten Waldorfschule hatten sich im 3. Jahr des Bestehens solche Tendenzen bei den Lehrern der Oberstufe eingeschlichen. In einer Lehrerkonferenz mit Rudolf Steiner, dem Schöpfer der Waldorfpädagogik und pädagogischem Leiter in den Anfangsjahren, berichtete ein Lehrer von Schwierigkeiten mit einer 11. Klasse: „Wir haben nicht das rechte Verhältnis gefunden. Ich habe oft den Eindruck gehabt, dass wir uns über die Kinder gestellt haben und nicht neben sie.“
Darauf sagte Rudolf Steiner: „Warum sagen Sie, Sie hätten sich über die Kinder gestellt? Was sein müsste, ist das, dass die Kinder einen über sich stellen. So muss die ganze Sache sein. Die Kinder müssen selbstverständlich einen über sich stellen.“

Ein anderer Lehrer schilderte, er habe außerhalb des Unterrichts mit einigen Schülern ein Gespräch geführt. Dies habe er mit der Bemerkung begonnen, er wolle jetzt nicht als Lehrer, sondern von Mensch zu Mensch mit ihnen sprechen. Darauf sagte Rudolf Steiner direkt:
Glauben Sie ja nicht, Herr N., dass ich Ihnen etwas am Zeug flicken will. (…) Das ist eine absolute Unmöglichkeit. Sie machen sie größenwahnsinnig. Die Schüler müssen das Gefühl haben, dass sie bei jeder Gelegenheit zu hören kriegen, man hat mit ihnen als Lehrer zu reden. Wenn Sie sich gleichstellen mit den Schülern, dann werden sie nichts anderes als Rangen heranziehen, die Ihnen über den Kopf wachsen. Man wird bald ihr Stiefelputzer, wenn man das extra betont. (…)
Glauben Sie wirklich, dass eine Disziplin noch aufrechtzuerhalten ist, wenn man so die Schüler anredet? (…) … man darf ihnen nicht den Glauben beibringen, dass man ebenso jung ist wie sie. Es ist unmöglich. Es geht nicht. Da müssen sich die Kinder in einem Größenwahn befangen fühlen, der riesengroß ist.“

Damit haben wir es heute bei den Schüler- und Jugenddemonstrationen in breitem Maße zu tun, in denen besonders Mädchen eine führende Rolle einnehmen. Zu eigenen selbständigen Urteilen können die Jugendlichen in der komplexen Frage des „Klimaschutzes“ noch nicht gekommen sein. Sie haben übernommene oder einsuggerierte Urteile. Von zu Hause und der Schule sind sie gewohnt, als junge Erwachsene behandelt zu werden, und von interessierten politischen Kreisen werden sie als solche hofiert und ihre eingebildete Kompetenz vollends zum Größenwahn gesteigert. Selbstverständlich können sie noch nicht durchschauen, wie sehr sie für fremde Zwecke missbraucht und instrumentalisiert werden.

Quellen

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1   jungefreiheit.de 20.9.2019
2   Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes, Dornach 1976, S. 40-41
3   Rudolf Steiner: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart, Bd. 2, S. 126
4   a.a.O. S. 132, 133

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