Bundesregierung bekennt sich zu „libertärer“ Bevormundung

An ein faules Schulkind erinnernd, das seine Hausaufgaben auf dem Weg zur Schule macht, wartet die Bundesregierung nun mit einer schlichtweg dreisten Antwort auf. Sie teilt Nudging in ein ethisch bedenkenloses Konzept einerseits und ein ethisch fragwürdiges Konzept andererseits auf, wozu sie einen eigentlich inexistenten Widerspruch konstruiert:

Der Begriff „Nudging“ wird in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich definiert: Die Autoren Thaler und Sunstein (2008) verwenden den Begriff „Nudging“ synonym für die Idee des libertären Paternalismus, nach der Politikrichtlinien so zu gestalten seien, dass die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen erhalten bleibt. Nach Thaler und Sunstein seien „Nudging“-Maßnahmen in ihrer Konzeption per Definition immer transparent; sie sollten sichtbar sein und in der Öffentlichkeit debattiert werden (Sunstein). In der öffentlichen Diskussion wird der Begriff „Nudging“ dagegen (!) zuweilen ähnlich zu der von den Fragestellern verwendeten Definition auf Maßnahmen bezogen, die Personen auf subtile Weise in ihrem Verhalten beeinflussen sollen.

Die Bundesregierung bekennt sich damit also erstaunlich offen zu einem solchen „libertären Paternalismus“ und versucht, diesen zugleich von dem Vorwurf freizusprechen, er ziele auf die subtile Beeinflussung von Bürgern in ihrem Verhalten. Das geht nicht auf, besteht schließlich genau darin der Sinn und Zweck des gesamten Konzepts. Entsprechend definierten die erwähnten Begründer, Thaler und Sunstein, den Ansatz so: 

Ein Nudge, so wie wir den Begriff verwenden werden, ist jeder Aspekt der Entscheidungsarchitektur, der das Verhalten der Menschen auf vorhersehbare Weise verändert, ohne irgendwelche Optionen zu verbieten oder ihre wirtschaftlichen Anreize wesentlich zu ändern. Um als bloßer Nudge zu gelten, muss der Eingriff einfach und billig zu vermeiden sein. Das Setzen von Früchten auf Augenhöhe zählt als ein Nudge.

Veränderung eines Standards, dem sogenannten „default“

Stellen Sie sich vor, in der Kantine gibt es im Menü jeweils die Wahl zwischen einem Apfel und einem Schokopudding. Sagen Sie bei der Bestellung allerdings nichts, erhalten Sie automatisch den Apfel. Die Wahlfreiheit bleibt erhalten, lediglich der Standard wird bewusst ausgesucht und dann von vielen Menschen auch tatsächlich gewählt. Dieser kleine Trick funktioniert mit einer Vielzahl von Entscheidungen, zum Beispiel bei der Einwilligung zu Organspenden oder automatischen Rentensparplänen (siehe Thaler & Sunstein, 2009).

Man möchte meinen, es sei ja nur zu unserem Besten, denn man will uns zu besserem Verhalten, also etwa besserer Ernährung, Rentenvorsorge oder ökologischerem Konsumbewegen. Was aber, wenn ich gar nicht weniger Auto fahren und noch weniger Fleisch essen möchte? Was, wenn ich unvernünftig viel Geld im Casino verprassen oder meinen Samstag mit Serien statt auf einem Trimm-Dich-Pfad verbringen will? Bevor man sich versieht, hat man per default auf einmal die low-carb-Rosenkohl-Risotto-Variante auf dem Tablett. Die berechtigte Frage ist also, ob der Staat oder andere mein Verhalten durch Nudging manipulieren dürfen oder nicht. Denn auch wenn ich weiterhin frei in meiner Entscheidung bleibe, werde ich doch beeinflusst. Viele Kritiker*innen halten solche bewusst gewählten defaults daher für Gängelei und einen unzulässigen Eingriff in das Verhalten der Bürger*innen (siehe Dams, Ettel, Greive & Zschäpitz, 2015).

Erhitzen defaults also zu Recht landauf, landab die Gemüter des gemeinen Volkes? Für Verhaltensökonom*innen bieten sie großes Potenzial, denn sie können Verhalten effektiv manipulieren und das muss nicht immer in unserem Sinne sein. Auf welch dumme Ideen kommt bald die Bundesregierung, wenn selbst Flugportale es schaffen, uns unnötige Reiseversicherungen beim Kauf eines Flugeszu verkaufen, indem das Kaufhäkchen standardmäßig angeklickt ist?  

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