Es gibt keine menschlichen Rassen?




Die Idiotie rassistischen Denkens: Sie sind so, weil sie so sind

Angesichts des wachsenden Einflusses einer völkisch-rassistischen Denkweise in vielen Ländern muss diesem Thema nach wie vor Aufmerksamkeit gewidmet werden: Von daher erscheint es wichtig, dass führende Leute vom Fach sich explizit gegen den Rassenbegriff verwahren, da er einfach wissenschaftlich falsch ist: Er suggeriert eine Einteilung des Homo sapiens sapiens in angebliche biologische Untergruppen, die sich in Wahrheit politisch und ökonomisch motivierten, moralischen Deklassierungen verdanken.

Die Ergebnisse der Biologen zusammengefasst: Aus ein paar Unterschieden in Hautfarbe, Haartyp etc. ergeben sich weder „Neger“ noch „Arier“ noch sonstige ideologische Fiktionen: Zwei x-beliebige Individuen eines Dorfes weisen eine größere genetische Varianz auf als der Durchschnitt der willkürlich als „Rassen“ abgegrenzten Großgruppen. Menschen sind zuallererst Individuen, dann kulturell und gesellschaftlich geprägte Gruppenwesen. In ihrem sozialen Leben findet der Biologe kein Quentchen Natur vor außer den allgemein menschlichen Eigenschaften, die alle Menschen teilen, daher niemals ihre kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede erklären können.

Kulturelle, politisch-ökonomische und soziale Besonderheiten von menschlichen Gruppen, die sich aus den jeweiligen Erfordernissen und Entwicklungsformen ihres historisch und regional spezifischen Zusammenlebens ergeben, wurden, geschichtlich betrachtet, durch den Rassismus naturalisiert, um zwischen ihnen eine moralische Wertigkeit zu behaupten, die die Ausbeutung und Beherrschung der einen – der dunkelhäutigen „Eingeborenen“ – durch die anderen – die „weißen“ Eroberer – legitimierte: Die „Fremden“ sind und bleiben von Natur aus, was sie sind, weswegen ihre Unterwerfung, Versklavung und Ausbeutung rechtens, ja unumgänglich sind: Was will man mit diesen zu Höherem unfähigen „Untermenschen“ auch sonst anfangen?!

Der moderne Rassismus nimmt für seine politischen Konstruktionen die offensichtliche Existenz verschiedener äußerlicher Gruppenmerkmale von Menschen – Hautfarben, Augen- und Nasenformen etc. – als Ausgangs-, besser: Anhaltspunkt und fasst sie mit Hilfe der Rassenbiologie des 19. Jahrhunderts zu „Rassen“ zusammen, wobei dabei oft willkürlich Gemeinsamkeiten konstruiert, andererseits Unterschiede für irrelevant erklärt werden.

Bezüglich dieser diversen Menschentypen wird nun behauptet, dass ihre kulturellen Besonderheiten, die historisch zufällig als dynamische, im Gesamtresultat stets ungeplante gemeinschaftliche Anpassungsleistung an die sie umgebenden Lebensbedingungen entstanden sind, untrennbar an die jeweiligen äußerlichen Merkmale, Hautfarben etc. gebunden sind. Und zwar dergestalt, dass die Biologie der äußerlichen Unterschiede ein rassisch-biologisches „Wesen“ begründet, das die – zumeist durch die Brille des europäischen Kolonialisten wahrgenommenen – kulturellen Gestaltungs- und Gesellschaftsformen verursacht und limitiert: Die „Anderen“ sind so, weil sie als Asiaten, „Neger“ etc. einfach von Natur aus so sind. Zwischen „ihnen“ und „uns“ gibt es eine unaufhebbare, durch nichts zu überbrückende Differenz, die es rechtfertigt, dass wir „sie“ auch anders behandeln – „sie“ sind schließlich auch nicht wie „wir“! Der ehemalige deutsche Politiker Philipp Rösler bleibt beispielsweise von diesem Standpunkt aus immer ein Vietnamese, obwohl er sich sprachlich und kulturell als durchschnittlicher Deutscher zeigte; die amerikanische Rechte wollte sich vor der Folie ihres rassistischen Weltbilds einfach nicht vorstellen, dass Ex-US-Präsident Barack Obama tatsächlich Amerikaner ist und versuchte immer wieder, seine staatsbürgerliche Herkunft zu bezweifeln. Ein „Schwarzer“ ist in dieser Lesart eigentlich Afrikaner und sonst gar nichts. Die „europäische“ Kultur wird ihm für einen Rassisten immer fremd bleiben müssen, da er als „Neger“ die „Afrikanernatur“ in sich trägt. Was man daran sieht, dass er offensichtlich (auch) afrikanischer Abstammung ist – eine platte Tautologie.

Nun weiß auch hier, wie zu Anfang erwähnt, die Forschung längst, dass sich der Durchschnitt z.B. der Afrikaner vom Durchschnitt der Europäer biologisch weniger unterscheidet als zwei beliebige Individuen innerhalb der jeweiligen Großgruppen: Menschen sind biologisch einfach Menschen und als solche zuallererst Individuen.

Eben diese Irrelevanz äußerlicher Eigenheiten für den Charakter von Kulturen und Gesellschaftsformen vergessen zu machen, war die Leistung des europäischen Rassismus. Rassismus im modernen Sinne trat nämlich erst spät auf; der antike Barbarenbegriff enthielt zumindest immer die Möglichkeit, dass die sogenannten „Barbaren“ durch Bildung und „Zivilisierung“ ins Lager der Römer wechselten. Der koloniale Rassismus sieht dies für die Afrikaner, Indianer etc. nicht vor: Als ideologisches Pendant des kolonialen Imperialismus leitete dessen pseudowissenschaftliches Theoriengebäude aus unterschiedlichen, mehr oder weniger zufälligen äußerlichen Merkmalen, wie sie diverse Großgruppen von Menschen in verschiedenen geographischen Räumen aufwiesen, dauerhafte, die Kultur und Lebensweise bestimmende biologische Grundbefindlichkeiten her, die auch noch auf eine Hierarchie der biologisch-moralischen Wertigkeit hindeuten sollten. In antiwissenschaftlicher Manier wurden moralische Bewertungen, die man mit einem Sammelsurium nicht weiter hinterfragter, vorinterpretierter Beobachtungen, willkürlicher Daten wie „Schädelvermessungen“ und naturalistischer Unterstellungen „bewies“, als Resultat einer sachlichen Betrachtung ausgegeben.

So standen im rassistischen Konstrukt die „weißen“, europäischen Eroberer naturgemäß an der Spitze der „Menschenrassen“, weshalb ihnen die Herrschaft über die „Anderen“, zumeist dunkelhäutigeren Völkerscharen zu Recht zufiel. Die eingebildeten oder wirklichen natürlichen Differenzen sollten eine naturgewollte Hierarchie belegen, die wiederum den Einsatz von Macht zur Sicherstellung der Herrschaft über die „Anderen“ legitimierte: Der Rassismus verrät in seiner gewalttätigen, ausbeuterischen Praxis seine Herkunft aus dem ökonomischen Interesse europäischer Eroberer, die sich an den Ressourcen und der Arbeitskraft der Bewohner anderer, neu entdeckter oder eroberter Weltgegenden schadlos halten wollten, ohne dabei auf das gute Gefühl verzichten zu müssen, dass dies im wohlverstandenen Interesse der Unterworfenen liegt, zumindest aber deren natürlicher Minderwertigkeit angemessen ist.

Die Forschungen von Luca und Francesco Cavalli-Sforza konnten inzwischen breit aufzeigen, dass biologische Menschenrassen eigentlich nicht existieren – die Hautfarben z.B. als zentraler Fokus der Rassentheorie erzählen nicht die Geschichte von angeblich divergierenden menschlichen Wesenszügen, sondern von klimatischen Lebensbedingungen, unter denen zuallererst die Intensität der Sonneneinstrahlung zu Buche schlägt.

Unterschiedlichste Kulturen in voneinander weit entfernten Regionen wurden etwa von Menschen mit dunklerer Hautfarbe begründet, ohne dass sich darüber hinaus irgendwelche Identitäten feststellen ließen, die über das allgemein Menschliche oder einige kulturelle Universalien hinausgingen. Hinzu kommt, dass vor der Folie einer genetisch fundierten Biologie sich die wenigen Gruppenunterschiede zwischen Menschen nicht unbedingt mit den phänotypischen Merkmalen decken, entlang derer die Rassentheoretiker mehr oder weniger willkürlich ihre Rassen „komponiert“ haben.

Luca und Francesco Cavalli-Sforza kommen z.B. auf Basis ihrer genetischen Untersuchungen zu einer wesentlich differenzierteren Typologie von Menschengruppen, über die dann aber auch nicht viel mehr zu sagen ist, als dass sie diese und jene äußerlichen Besonderheiten, hie und da einen besonderen Krankheitsschutz wie bei der Sichelzellenanämie aufweisen oder bestimmte Ernährungsstoffe besser oder schlechter vertragen als Andere; z.B. liegt bei vielen Asiaten eine Milchunverträglichkeit vor. Über die jeweiligen Kulturen, ihre Lebens- und Produktionsweisen ist damit jedoch keinerlei Aussage getroffen, über ihre Individuen und deren Eigenschaften schon gleich gar nicht.

In ihrer imperialistischen Arroganz ignorierten die weißen Eroberer zudem, dass es weder „die Afrikaner“, noch „die Asiaten“ oder „die Indianer“ gab: Man war statt dessen mit einer Vielzahl von Kulturen, Herrschaftsformen, ökonomischen Prinzipien und ökologischen Lebensweisen konfrontiert, die verdeutlichten, dass die über ihre allgemein menschlichen Eigenschaften hinausgehenden Gemeinsamkeiten zwischen Menschen(gruppen) letztlich stets in kulturellen und sozialen Gemeinsamkeiten bestehen.

Ob in Amerika, Afrika, Asien oder Europa: Äußerlich ähnlich aussehende Menschen – sogenannte „Indianer“, „Neger“ (oder wie die fiktionalen, oft abschätzigen Oberbegriffe auch immer lauten mochten) – stellten sich als buntscheckiger Flickenteppich äußerst unterschiedlicher Formen der Sozialorganisation, des Erwerbs und der Verteilung des materiellen Lebensunterhalts dar, die von ebenso stark differierenden Sprachfamilien und Weltbildern begleitet wurden. Wie die materialistische Kulturanthropologie von Marvin Harris zeigen konnte, erweist sich Kulturentwicklung als Resultat spezifischer Formen der aktiven, gestaltenden Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen der Menschen. Dieser permanente schöpferische Anpassungsprozess, der stets Neuentwicklungen notwendig macht und deshalb auch hervorbringt, beruht auf dem historischen „Vorrat“ an Strukturen, Erfahrungen und Weltsichten, die wiederum aus vergangenen Strategien der Lebensbewältigung hervorgingen.

Der rassistische Blickwinkel unterstellt im Gegensatz dazu eine atemberaubende Ignoranz gegenüber den Sozialordnungen und Lebenspraktiken anderer Regionen und Kontinente und deren ökologisch-ökonomischen Grundlagen. Nimmt man noch die durch keine wissenschaftliche Betrachtung begründbare Hierarchisierung der „Wertigkeit“ von Menschengruppen, Weltbildern und Gesellschaftsformen hinzu, erweist sich der Rassismus in seiner pseudowissenschaftlichen Voreingenommenheit als adäquate Herrschaftsideologie des europäischen Imperialismus.

Was impliziert dies für moderne kulturelle Identitäten generell? In einer durch Staaten geordneten, kapitalistisch globalisierten Welt der permanenten Migrationsströme und der globalen medialen Kommunikation heißt dies in der Regel: sie sind politischer Natur. Spätestens in den darauffolgenden Generationen verliert sich daher die „unverfälschte“ Ursprungskultur der Migranten zumeist; der Erhalt von Momenten der kulturellen Vergangenheit andernorts erfordert dann selbstbewusste Anstrengungen der Brauchtumspflege, bei denen zumeist völlig neue Kulturelemente entstehen, die weder mit dem identisch sind, was die Einwanderer vorgefunden haben, noch ihrer Herkunftskultur gleichen.

Manche mitgebrachte Institutionen werden verworfen, andere neu definiert; zugleich entstehen emergente, also völlig neue Formen der Kultur, die aus der Verbindung von Mitgebrachtem und Vorhandenem ungeplant hervorgehen: so sind Blues und Jazz so afrikanisch, wie sie es auch nicht sind. Kulturen sind eben nie „schwarz“ oder „weiß“; so manche Afroamerikanerin wird zur gefeierten Operndiva, während sich blasse Engländer beizeiten als originelle Bluessänger hervortun.

Die ökologischen Lebensbedingungen, die Ökonomie der Lebensweisen und Produktionsformen, schließlich die etablierten Sozialstrukturen prägen die Kulturentwicklung viel stärker, als äußerliche Unterschiede dem unwissenden Betrachter unmittelbar nahelegen: Irokesen, Wikinger und Zulus beispielsweise bildeten als kriegerische Bauernvölker eine ähnlich martialische Kriegermoral aus, obwohl Kontinente zwischen ihnen lagen; eine stärkere soziale Schichtung und die Entstehung staatlicher Herrschaft unterstellten ein landwirtschaftliches Mehrprodukt und erzwangen es zugleich, egal welcher Hautfarbe oder regionalen Herkunft die jeweiligen Gesellschaften waren und sind.

Und all dies ist im permanenten Wandel; veränderte ökologische Rahmenbedingungen und mal friedliche, mal kriegerische Kontakte zu anderen Völkern bewirken den Niedergang etablierter und Aufstieg neuer politischer Formen und ökonomisch-technischer Praktiken. Kulturentwicklung ist insofern ein evolutionärer dynamischer Prozess, der soziale wie technische Innovationen hervorbringt und befördert. Und diejenigen, die dagegen verbissen die Reinheit überkommener Traditionen der Vergangenheit hochhalten, geraten peu à peu zu einer Karikatur ihrer selbst. Stilisierte Identitäts- und Brauchtumspflege mutiert so zur pittoresken Touristenattraktion, die nach dem Prinzip der „Truman-Show“ von Regionen gezielt vorgehalten wird, die schon längst den Anschluss an die globale Kultur der Moderne gefunden haben.

Das ist damit auch die Kehrseite des modischen Beharrens auf der ureigenen Identität: Sie fällt hinter die moderne Wahrheit zurück, dass Identität immer auch ein sozialer Konstruktionsprozess ist und man sich von diesen seinen „Konstruktionen“ durchaus distanzieren, die Masken des sozialen Selbst – zumindest in einem gewissen Umfang -wechseln kann. Heise

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