„House of God“

Mit einem Vorwort von John Updike. Aus dem Amerikanischen von Heidrun Adler

„House of God“ beschreibt, wie aus idealistischen Ärzten zynische Wracks werden, die abstumpfen, überfordert und beziehungsunfähig sind. Das Werk ist 40 Jahre alt – und aktueller denn je.

Kapitel 13 des Buches ist für Anfänger besonders irritierend. – Ärztliche Betreuung bedeutet für den Patienten so wenig wie möglich zu tun.

„Das schlimmste Jahr meines Lebens!“ Auf diesen Nenner bringt Steve Bergman den Beginn seiner Ausbildung als Arzt in einem Krankenhaus. Schreiben, das bedeutete für ihn eine Art Katharsis, eine befreiende Möglichkeit zu verarbeiten, was ihm damals und heute wie ein zwölf Monate langer Alptraum erscheint. Und so packte Bergman seine Erlebnisse in einen Roman, der am Beispiel von sechs jungen Medizinern die Krankheit unseres Gesundheitssystems illustriert.

„House of God“ heißt die Klinik in Boston, in der sie ihre Facharztausbildung beginnen. Den Klinikalltag erleben Sie als einen Abstieg in die Hölle. Eine Hölle, in der sich vermeintliche Halbgötter in Weiß als korrupte, profitgierige Blutsauger entpuppen. Eine Hölle, die aus idealistischen Medizinstudenten zynische Karrieristen macht. Eine Hölle, die ein Sterben in Würde nicht zuläßt.

Bergmans autobiographischer Roman widerspricht allen Ärzte-Klischees. Das Krankenhausmilieu, Schauplatz unzähliger Trivialromane und Fernsehserien, ist für den 54jährigen Amerikaner Bergman so etwas wie der blinde Fleck der Gegenwartsliteratur. Wo alles schon bekannt ist, jeder schon Bescheid zu wissen glaubt, fängt für Bergman die Geschichte überhaupt erst an: „Ganz zweifellos haben unzählige Verfasser von kitschigen Arztromanen seit Jahrhunderten verherrlicht, wie es ist, einem Menschen beizustehen, der den Tod vor Augen hat oder an einer unheilbaren tödlichen Krankheit leidet“, erklärt Steve Bergman. „Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Als Arzt empfindet man da zunächst einen starken Widerwillen. Bewußt oder unbewußt versucht man, das Zimmer des Sterbenden zu meiden, man will nicht mit ihm reden. Es sind solche kleinen Details, die es für Nichtmediziner so schwer machen, glaubhaft über die Welt des Krankenhauses zu schreiben. Man muß es einfach am eigenen Leib erfahren, aus erster Hand erlebt haben. Ich sehe zwei Gründe für den Erfolg von „House of God“: erstens der Humor in dem Buch, denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß man über todernste Dinge nicht todernst schreiben darf. Erst der Humor versetzt uns in die Lage, solchen Dingen ins Auge zu sehen und sie zu verarbeiten. Der zweite Grund ist schlicht die Authentizität des Romans. Ich bin ein Produkt der 60er Jahre, entstamme also einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr bereit waren, sich irgendwelchen Mist darüber anzuhören, was sie in einer bestimmten Situation zu empfinden haben sollten. Zudem kamen wir jungen Ärzte aus der Bürgerrechts- und Anti-Vietnamkriegs-Bewegung. Beide hatten einige Erfolge erzielt und uns in dem Glauben bestärkt, daß sich soziale Mißstände tatsächlich beheben ließen. Wir begannen unsere Ausbildung im Krankenhaus also mit dem festen Vorsatz, Unaufrichtigkeit, Standesdünkel und Gefühllosigkeit unseren Vorgesetzten auf keinen Fall durchgehen zu lassen. Das Buch schildert im Grunde lediglich den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem, wie es war, und dem, wie es sein sollte. Und unser Engagement galt natürlich dem, wie es sein sollte.“

Über eine Million Exemplare hat „House of God“ seit 1978, dem Jahr der Originalveröffentlichung, in den Vereinigten Staaten verkauft. Und dies ohne großes Werbebudget, ohne Publicityfeldzug und ohne Anzeigenkampagnen. Allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich Bergmans Roman zum Bestseller entwickelt. Längst ist „House of God“ in Medizinerkreisen auch hierzulande zu einem Kultbuch geworden. In deutschen OPs, in Ambulanzen, Schwestern- und Ärztezimmern hört man immer öfter jene neuen Vokabeln, die Bergman in seinem Roman geprägt hat: etwa „Gomer“ als Ausdruck für pflegeintensive Demente, die ohne Chance auf Heilung zwischen Krankenhäusern und Pflegeheimen hin und her überwiesen werden. Für dieses Abschieben der senilen Siechen hat sich das Verb „turfen“ eingebürgert. Wer einen Gomer turfen will, muß dazu jedoch erst seine Unterlagen „buffen“, so Bergmans Bezeichnung für das Zurechtfrisieren der Krankenakte. Es geht aber auch weniger elegant: ein ‚aus Versehen‘ nicht hochgeklapptes Bettgitter, ein kleiner Stoß, ein gebrochener Oberschenkelhals … Im Handumdrehen wird so aus einem internistischen Patienten ein Fall für die Chirurgie.

Steve Bergman wäscht in seinem Roman die schmutzige Wäsche der Weißkittel. Freunde unter seinen Standeskollegen macht man sich so nicht. Hat Bergman seinen Roman deshalb unter dem Pseudonym Samuel Shem veröffentlicht? „House Of God kam heraus, als ich gerade meine Praxis eröffnet und zum ersten Mal eigene Patienten hatte. Damals glaubte ich, es könnte sie belasten, wenn sie wüßten, daß ihr Psychiater auch Romane schreibt. Das Buch enthält vieles, was nicht nur damals Anstoß erregte: die Sexszenen, der schwarze Humor und die bei vielen Ekel auslösenden Details, mit denen ich die Ausbildung der Ärzte und den Umgang mit Patienten schildere. Aber weil der Roman dann einen ziemlichen Skandal ausgelöst hat, fanden meine Patienten dennoch heraus, daß ich ihn geschrieben hatte. Sie überhäuften mich mit Vorwürfen: Warum ich nur all diese peinlichen Einzelheiten aus dem Krankenhausalltag ausplaudere, und dann enthalte das Buch auch noch diesen ganzen Schmuddelkram … Aber bald legte sich dieser Sturm im Wasserglas wieder. Wer zu einem Psychiater geht, will über sich reden und nicht über seinen Arzt. Inzwischen glaube ich jedoch, daß hinter meiner Wahl eines Pseudonyms etwas Persönlicheres steckt. Von Kindesbeinen an wurde ich darauf programmiert, Arzt zu werden. Andererseits verspürte ich einen unwiderstehlichen Drang zur Kreativität. Diesen Teil von mir lebe ich als Schriftsteller Samuel Shem aus, und Doktor Steven Bergman ist der Mediziner in mir.“

„House of God“ ist mehr als nur eine Innenansicht aus der Welt der Medizin. Gewiß, auf einige Stellen hat sich die Patina der 70er Jahre gelegt: dies gilt insbesondere für den von Bergman angesprochenen „Schmuddelkram“.

„Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment“ – diese Losung der 68er-Bewegung ist für Bergmans Helden Programm. Sie sind Rebellen gegen die medizinischen und gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit – einer Zeit lange vor Aids. Was heute unerträglich sexistisch erscheint, gehörte zur Entstehungszeit von „House of God“ zum traurigen Alltag.

Die 60er Jahre sind lange vorbei. Der Arzt Steven Bergman hat nicht die erhoffte große Reform des Gesundheitswesens erlebt, sondern den Triumph der Apparatemedizin. Gerade deshalb hat der Roman „House of God“ auch heute, fast zwanzig Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung, nichts von seiner Aktualität verloren.

Samuel Shem konfrontiert die Erwartungen der Gesellschaft, wie sich ein Arzt zu betragen und was er zu empfinden hat, mit der Realtität des Alltags im Krankenhaus. Allzu oft ist die Kluft zwischen beiden so groß, daß „House of God“ über weite Strecken wie eine Satire wirkt. Doch Bergman alias Samuel Shem beharrt darauf, daß in seinem Roman alles authentisch und nichts übertrieben ist: „Ich glaube, Satiriker ist man nur dann, wenn man weiß, daß man Satiren schreibt. Mir ist nicht bewußt, daß ich ein Satiriker bin. Das ist wie mit dem Mutigsein. Wenn man jemanden mutig nennt, der wirklich mutig ist, dann ist das immer eim bißchen eigentümlich, denn der wahrhaft Mutige handelt ja ganz unwillkürlich. Auch ich habe dieses Buch ganz unwillkürlich so geschrieben. Ich habe einmal eine Literaturwissenschaftlerin kennengelernt, die den Roman als Satire bezeichnete. Ich habe ihr erklärt, daß es in meinen Augen keine Satire ist, sondern meine Erfahrungen während meines ersten Krankenhausjahres authentisch wiedergibt. Für mich ist in einer Satire immer ein Element von Übertreibung der Wirklichkeit enthalten – mit der Absicht, diese Wirklichkeit zu verändern. Das will ich zwar auch, aber ich sehe dennoch nicht, wo ich in meinem Buch die Zustände, wie ich sie erlebt habe, übertrieben hätte. Allerdings reizt es mich nicht sonderlich, die Dinge einfach so zu beschreiben, wie sie sind – offen gestanden habe ich dafür auch kein großes Talent. Mein Antrieb als Schriftsteller ist die Empörung über Ungerechtigkeiten. Im Fall von „House of God“ lag meine Motivation in der Einsicht, daß es da einen Fehler im System gab – auch wenn ich damals keine fix und fertige Lösung für das Problem parat hatte, sondern nur einen ersten Ansatz. Dieser Ansatz wird in der Formulierung deutlich, daß man als Arzt in erster Linie lernen muß, eine menschliche Beziehung zu seinen Patienten aufzubauen.“

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