Das Fremde in uns

Wir halten für wahr, was unserer Überzeugung entspricht. Dieses Dilemma ist unlösbar. Außer wir verstehen endlich, dass wir aus purem Eigennutz = Lust nur noch auf unsere eigene Meinung beharren. Jacques Lacan

Fakten spielen in politischen Auseinandersetzungen keine wesentliche Rolle mehr. Speziell bei heftig umkämpften Themen, die die Gesellschaft spalten, erscheint die eigentliche Sachlage völlig irrelevant. Das Sicherheitsempfinden bleibt von offiziellen Zahlen, die einen Rückgang der Kriminalität belegen, unberührt. Für die Frage, ob Rassismus ein Problem unserer Gegenwart darstellt, scheint die Dokumentation rassistischer Straftaten kein Gewicht zu haben. Studien, die nachweisen, dass eine bestimmte Impfung wirksam ist (oder nicht), überzeugen uns nur, wenn wir Impfungen ohnehin für sinnvoll (oder schädlich) halten. Kurz: Gerade, wenn uns eine politische Frage besonders wichtig ist, halten wir nur das für wahr, was unseren bereits gefassten Überzeugungen entspricht. Die Politikwissenschaftler David Barker und Morgan Marietta nennen dieses Phänomen „dueling facts“. Es steht im Zentrum der viel beschworenen Krise der Demokratie.

Wie könnte diese Situation aber verändert werden? Übliche Vorschläge scheinen angesichts der „Faktenresistenz“ ins Leere zu laufen. Nicht einmal eine höhere Bildung helfe, schreiben die beiden Professoren: Die Universitäten würden den Studierenden nicht beibringen, differenzierter zu denken, sondern ihnen nur die Linsen schärfen, durch die sie die Realität ohnehin schon sehen. Sie gestehen resigniert ein, dass sie keine Lösung anzubieten haben.

Dieses deutliche Aussprechen der Ausweglosigkeit hat, finde ich, etwas Erfrischendes. Wenigstens ist damit einmal gesagt, was bisher nur ungläubig zur Kenntnis genommen wurde: dass es bei einigen Themen sinnlos ist zu versuchen, eine vernünftige Durchsprechebene durch Appelle und den Hinweis auf Fakten wiederherzustellen. Ist das einmal anerkannt, kann man vielleicht etwas freier darüber nachdenken, worum es bei der vielbeschworenen Polarisierung eigentlich geht. Barker und Marietta meinen, Überzeugungen würden durch „Werte“ begründet. Aber können Werte erklären, warum Menschen sich verbissen in einer selbst zurechtgezimmerten Welt verbarrikadieren? Warum pochen wir immer vehementer auf „unsere“ Fakten, obwohl bereits mehr als deutlich ist, dass uns das in der Debatte nicht weiterbringt?

Die Lacanianische Gesellschaftstheorie bietet hier eine Sichtweise an, die über die Ebene der Werte hinausführt. Sie sagt, dass wir uns nur innerhalb einer sprachlichen und sozialen Struktur auf die Welt beziehen können und dass wir so stark in diese Struktur verstrickt sind, dass das unsere Existenz als Subjekte berührt. Um sich darunter etwas vorstellen zu können, muss man sich ein Stück weit auf diese Gedankenwelt und ihre komplexen Begriffe einlassen. Dann erst wird erkennbar, dass sie neue Perspektiven auf durchgekaute Themen eröffnen kann.

Das Fremde in uns


Jacques Lacan
Wahrheit oder Wirklichkeit in dem Sinn, dass Fakten beliebig sind und unsere Meinungen von der Welt mit dieser selbst nichts zu tun haben.

Lacan zufolge sind wir als Subjekte durch eine sprachliche Struktur erzeugt und geprägt, die uns spaltet. Diese „Spalte“ macht es unmöglich, dass wir ganz mit uns selbst identisch sind – es gibt immer etwas in uns, das uns fremd bleibt und sich unserem Begreifen entzieht. Aber auch jeder Weltbezug – unsere Wahrnehmungen, unser Reflektieren und Verstehen, unsere sozialen und emotionalen Bindungen – ist immer nur vermittelt (nie direkt und unmittelbar) möglich und durch die „Spalte“ irritiert und gestört. Das bedeutet keine Relativierung von Wahrheit oder Wirklichkeit in dem Sinn, dass Fakten beliebig sind und unsere Meinungen von der Welt mit dieser selbst nichts zu tun haben. Vielmehr heißt es, dass wir in unserem Zugriff auf die Welt eingeschränkt sind, und zwar nicht nur, weil wir nur je zwei Augen und Ohren haben oder unsere Denkmöglichkeiten begrenzt sind. Die genannte Störquelle, die „Spalte“, erzeugt vielmehr symptomatische Bindungen an bestimmten Stellen, an denen wir mit anderen und der Welt in Beziehung treten. Lacan nennt diese Bindungen „Genießen“ und er lässt keinen Zweifel daran, dass sich an diesen Stellen so etwas wie ein Abgrund öffnet, ein erschreckender Blick in ein Nichts, sodass wir es lustvoll finden, wenn sich dieser Abgrund durch unsere Einbildungen wieder schließen lässt.

Das klingt dramatisch – wie kann man es sich im Alltag vorstellen? Eine Art des Genießens ist fast immer am Werk, wenn wir etwas immer und immer wieder wiederholen, obwohl wir es „eigentlich“ lieber anders hätten. Ein Beispiel wären die immer gleichen unerfreulichen Partnerschaftskonstellationen oder ein wiederholter Selbstboykott im Beruf – all diese Fälle, die uns bei anderen sonnenklar erscheinen („Das hat etwas mit ihm oder mit ihr zu tun“). Bei uns selbst kommt es uns hingegen höchst rätselhaft vor, warum es nicht und nicht gelingt, bessere Entscheidungen zu treffen. Es gibt für solche Dinge gängige Erklärungen (mangelnde Elternliebe, geringes Selbstwertgefühl). Doch das kaschiert eher, dass uns hier ein Genießen bindet: die ambivalente Lust, einen Blick in den Abgrund – die Spalte, die uns als Störquelle heimsucht – zu vermeiden. Warum ist diese Vermeidung lustvoll? Die Lust entsteht aus der Illusion, dass es sich hier um ein an sich lösbares Problem handelt und sich dahinter unsere wahre Persönlichkeit verbirgt, die sich natürlich richtig entscheiden würde. Das kann nur dann funktionieren, wenn wir leugnen, dass diese Gesamtkonstellation – das lustvolle Wiederholen des „Unlustvollen“ – bereits genau das ausmacht, was wir „wirklich sind“. Und dieser Zusammenhang bewirkt, dass wir nicht bereit sind, diese Lust aufzugeben – weshalb wir letztlich auch an den Abgrund, den wir zu vermeiden suchen, gekettet bleiben.

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