Heine

Der Satz „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“ ist nicht das einzige häufig gebrauchte Zitat, das auf Heinrich Heine zurückgeht. Im berühmten „Büchmann“, der Sammlung „Geflügelter Worte“, ist er zwar bei Weitem nicht so häufig vertreten wie Schiller und Goethe, er wird dort aber immerhin auf 21 Seiten mit bekannten sprichwortartigen Formulierungen erwähnt: „Was schert mich Weib, was schert mich Kind…“ – „Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon…“ – „Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber…“ – „Sie sang das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel…“ – „Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten!“ – „Und fehlt der Pfaffensegen dabei, die Ehe wird gültig nicht minder…“

Sie alle können aber nicht konkurrieren mit dem seit Jahrzehnten von gebildeten Leitartiklern inflationär gebrauchten „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“ Zuweilen wird das Zitat um die folgende Zeile komplettiert: „… dann bin ich um den Schlaf gebracht“. Es sind die Eingangszeilen des 1843 im Pariser Exil geschriebenen und 1844 zeitgleich mit dem „Wintermärchen“ erschienenen Gedicht „Nachtgedanken“. Ob sich wohl in allen Redaktionsstuben herumgesprochen hat, dass es in erster Linie Heines in Hamburg lebender Mutter gewidmet ist?

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh‘ ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Sicherlich geht es hier auch um Deutschland, ist es auch politisch, aber keinesfalls so sorgenvoll-pessimistisch, wie die Eingangszeilen glauben machen, denn:

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land;
Mit seinen Eichen, seinen Linden
Werd‘ ich es immer wieder finden.

Noch deutlicher heißt es in der folgenden Strophe:

Nach Deutschland lechzt‘ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär‘;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

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