Indignez-vous ! – Empört euch!

ist ein Essay des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stéphane Hessel. Er wurde im Oktober 2010 veröffentlicht; bis Februar 2011 waren mehr als eine Million Exemplare verkauft. Auch in Deutschland wurde das Buch ein Bestseller.- Der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Empört Euch! 93-jährige Hessel verzichtete auf sein Autorenhonorar. Hessel kritisierte in der Schrift mit Vehemenz zahlreiche Aspekte gegenwärtiger politischer Entwicklungen, insbesondere in Hinsicht auf die aktuelle Finanzkrise und deren Folgen, und rief zum politischen Widerstand auf. Mehrere soziale Protestbewegungen, etwa in Spanien (Wkipedia)

Die Lage ist verrückt, ja, eigentlich ein Witz. Es ist ein wenig wie in der amerikanischen Serie The West Wing, in der folgendes Gleichnis erzählt wird: „Was ist der Unterschied zwischen einem Pessimisten und einem Optimisten? Ganz einfach: Der Pessimist sagt: ‚Schlimmer kann’s nicht mehr werden!‘ Der Optimist aber sagt: ‚Doch, das geht!'“ Wem jetzt das Lachen im Hals stecken bleibt, der ist wenigstens noch bei Trost. Denn das „Doch, das geht!“ ist zur Pointe unserer Zeit geworden. Übertreibungen überall. Allgegenwärtig ist das Geraune und Empören der „Wohlmeinenden“, der „besorgten Bürger“, der Vaterlands- und Weltuntergangsbeschwörer – das Mittelalter ist zurück und mit ihm Menschen, die zu allem eine ausgesprochene Meinung haben, aber von nichts eine Ahnung. Polarisierung und Dauererregung besorgen Populisten aller Lager das Geschäft. Wer nicht auf eine Politik der Gefühle setzt, auf Extremismus, der macht kein Geschäft. Es gibt kein Entrinnen. Das Politische ist privat, was so viel bedeutet wie: Der Blödsinn dringt durch jede Ritze, es gibt keine Rückzugsorte mehr. Dafür braucht man weder Twitter noch Facebook, auch wenn diese sich als taugliches Kriegsgerät entpuppen. Haltung, ein großes Wort, ist zum Dogma geworden.

Statt eines aufrechten Gangs kommt bei den extremen Positionen eine Fehlhaltung heraus, eine krumme moralische Keule, mit der auf alle, die nicht einig sind, eingedroschen wird.

Ein falsches Wort genügt. Ein Like für jemanden, der in Verdacht steht, unter Verdacht zu stehen. Kennt der jemanden, der jemanden kennt? Na bitte. Schuldig ist, wer nicht zustimmt, nicht mitmacht, die Petition nicht unterschreibt und demonstriert, auf der richtigen Seite zu stehen – auf der einzig richtigen, versteht sich. Die meisten Leute haben etwas falsch verstanden. Totalitarismus ist keine politische Theorie, es ist die Praxis des Hinterfotzigseins aus besten Motiven. Totalitarismus will alles, total eben. Das klappt nur mit vielen Helfern, Opportunisten, Mitläufern, Denunzianten, Fanatikern einerseits und ebenso vielen, wenn nicht noch mehr „Beifang-Opportunisten“, wie sie Taz-Chefreporter Peter Unfried kürzlich nannte: Leute, die sich an großen Weltthemen wie Klima, Flüchtlingspolitik, Betrugsfällen oder anderen Krisen vordergründig „engagieren“, um unliebsame Gegner loszuwerden und die eigene Karriere zu befördern. Das übliche Krisengewinnlergesindel eben.

Das Rechts-links-Problem

Diese ganze Blockwartmischung ist ständig auf der Jagd nach irgendwelchen Schuldigen und blökt: Haltet den Dieb! Das ist kein Privileg der Rechten, war es nie. Der scharfsinnige Menschenkenner Stefan Zweig schrieb: „Rechts ist Übertreibung und links ist Übertreibung, rechts Fanatismus und links Fanatismus.“ Zweig hat das in seinem Essay Triumph und Tragödie des Erasmus von Rotterdam geschrieben, 1934, als Österreich aufhörte, eine Demokratie zu sein. Dann galt bald, was das Schlimmste anging: „Doch, das geht!“ Sicherlich: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie geht in Wiedervorlage, wenn wir vergessen, dass Differenzierung und Vielfalt, Toleranz und Dialogfähigkeit keine hübschen Phrasen sind, sondern die Grundlage unserer Existenz. Wo Menschen in Extremen denken und reden, gilt der Satz, der in Zweigs Erasmus die prominenteste Rolle spielt: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“

Ein Appell der verpufft wie so vieles in diesen Tagen.

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